Bei guten Nachrichten geht es um mehr als gute Laune

good news and bad news post it © hibrida / 123RF Lizenzfreie Bilder

„Only bad news is good news.“ Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch, den wir schon nicht mehr hören können und der in Stein zu meißeln scheint, was uns medial täglich vorgelebt wird: ein Bombardement mit Meldungen über Krisen und Katastrophen, 24/7. Oft noch mit Live-Ticker, der krampfhaft Neues ausspucken muss, auch wenn es eigentlich nichts zu sagen gibt. Aber man kann ja mal nachfragen, bei den Opfern, bei den Nachbarn, bei irgendwem … Angeblich ist laut einer Studie das Verhältnis von Bad news zu Good news 17:1, wir haben dazu aber keine Quelle gefunden. Doch das Bauchgefühl bestätigt die Größenordnung.

Bad news

Warum sind diese Negativnachrichten „good news“? Die Medien behaupten, dass es das ist, was die Menschen lesen, hören und sehen wollen. Und dass positive Nachrichten kein Schwein interessieren. Das ist gleichzeitig komplett falsch und total richtig. Ein großes Körnchen Wahrheit liegt darin, dass wir Negativschlagzeilen tatsächlich als erstes lesen oder anklicken. Zu den Gründen kommen wir später noch. Falsch ist es, weil Menschen erwiesenermaßen Positives lieber teilen und verbreiten – auch dazu nachher mehr. Und vor allem, weil beim Interesse keine Differenzierung zwischen einem bewussten Wollen und einer reflexartigen Reaktion getroffen wird. Diese Unterscheidung wäre extrem wichtig.

Außerdem stimmt nicht alles, was die Medien über sich selbst glauben. Das Pew Research Center hat in einer groß angelegten Langzeit-Metastudie das Medienverhalten der US-Amerikaner*innen von 1986 bis 2006 analysiert und dabei einige Überraschungen erlebt: Einerseits ist das Userverhalten wesentlich stabiler als angenommen (trotz häufiger Änderungen in den Medienstrategien). Andererseits erweckt z.B. der Promiklatsch und -tratsch nur ganz geringes Interesse – kaum zu glauben, wenn man die unzähligen Clickbait-Seiten über die Kardashians und Paris Hiltons & Co. bedenkt. Eine Tabellenübersicht findest du hier.

Definiere „Good news“

Zunächst zu der Frage nach den Begriffen: Welche Nachrichten „bad news“ sind, erklärt sich praktisch von selbst. Doch was genau sind „good news„?

Für die meisten Medien ist es wohl Storys, die einschlagen. Viele Klicks, reißender Absatz am Kiosk, steigendes Anzeigenvolumen. Im alltäglichen Sprachgebrauch kündigen wir damit oft Frohbotschaften an: eine bestandene Prüfung, ein unerwarteter Geldbetrag, der Urlaubswunsch wurde wie gewünscht genehmigt. Für Journalist*innen ist der Begriff eher negativ besetzt und meint Katzenvideos und Wohlfühlgeschichtchen. Davon will man sich distanzieren, wenn man auf sich hält.

Das haben wir in der Mutmacherei gelernt, als wir auf der Suche nach Begriffen waren, die das ergänzen, was in den Massenmedien heutzutage weitestgehend fehlt. Das ist der Blick auf Lösungsansätze zu den Problemen, die rauf und runter beschrieben und wiedergekäut werden. Der Blick aufs Positive und Gelingende in der Welt, abseits von putzigen Tiergeschichten und rührenden Bildern.

Lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus

In der Folge sind wir auf den lösungsorientierten Journalismus gestoßen. Auch dieser Begriff hat hierzulande anfänglich einigen Widerstand ausgelöst: Es sei nicht die Aufgabe von Journalismus, Probleme zu lösen, sondern sie aufzudecken und über sie zu berichten. Da gibt’s ein grundlegendes Missverständnis: Lösungsorientierter Journalismus meint, über Lösungen zu berichten, nicht aber sie selbst zu schaffen. Hm. Nächstes Gegenargument: Wenn man über Lösungen berichtet, verliert man als Journalist*in die Objektivität und macht sich zur PR-Agentur für die Lösungsanbieter.

Dieses Argument bringt uns einen Schritt tiefer in den mittlerweile durchaus konstruktiven Diskurs zum Thema. Denn dahinter steckt die Auseinandersetzung mit der Rolle und Aufgabe von Journalismus in den heutigen Gesellschaften sowie mit ethischen Fragen und Qualitätsstandards.

Schließlich hat sich auch der Begriff des konstruktiven Journalismus aufgetan. Manchmal wird er synonym mit dem lösungsorientierten verwendet. Aktuell scheint eine stärkere Differenzierung stattzufinden und der konstruktive Journalismus dürfte sich zum Überbegriff entwickeln, zu dem sich ein stärkerer Konsens findet. Wir verwenden relativ frei beide Begriffe nach dem Motto „Hauptsache es geht in die richtige Richtung“. icon-smile-o

Qualitätsstandards setzen

Wie schön, dass wir zumindest dieses Rad nicht neu erfinden müssen. International gibt es bereits viel Bewegung in Sachen Qualitätsjournalismus, der das ganze Bild zeigt und nicht nur die Problemsicht und die Defizite. Das in New York basierte Solutions Journalism Network (SJN) hat hier eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und engagiert sich in Sachen Aufklärung und Weiterbildung. So gibt es z.B. das Toolkit, ein umfassendes Handbuch zum Einstieg in die Praxis des lösungsorientierten Journalismus, zum Gratis-Download.

Redaktionen können einen Inhouse-Workshop buchen: „We train newsrooms to report on responses to social problems without fluff, advocacy, or PR.“ Es geht also um die ganz bewusste und gezielte Abgrenzung von Vereinnahmung. Das SJN stellt laufend Beiträge online, die demonstrieren, wie der lösungsorientierte Ansatz in der gelebten Praxis aussieht. Journalist*innen können sich über die Plattform vernetzen und Erfahrungen austauschen. Im Aufbau befindet sich die SolutionsU-Plattform: eine Datenbank der Lösungen, aufbereitet in journalistischen Qualitätsartikeln, die sich mit jeweils einem sozialen Problem und seinen möglichen Lösungen beschäftigen. Dies soll eine gravierende Lücke schließen, die das SJN wie folgt beschreibt:

If you ask a class of students to make a list of global problems, they can fill a whiteboard in a minute.
But ask them to list promising solutions — and the board stays mainly empty. WHY?

Wie sieht ein lösungsorientierter Artikel aus?

Doch wie sieht sie genauer aus, die lösungsorientierte Berichterstattung? Es geht in erster Linie darum, einen kompletten Bogen zu spannen von den Ursachen des Problems, über das berichtet wird, bis hin zu bereits existierenden Lösungsansätzen: Welche verschiedenen Ansätze und Wege gibt es, das Problem zu bearbeiten? Was wurde schon vom wem probiert? Was waren die Ergebnisse? Was davon hat funktioniert, was nicht? Wo lagen die Stolpersteine? Welche Lösungsansätze sind in der Pipeline, aber noch nicht umgesetzt? Wie genau funktionieren die erfolgreicheren unter den Lösungswegen? All das ist natürlich mit konkreten Beispielen, Fakten und Quellen zu belegen.

Gelungene Abgrenzung zu PR und Wohlfühljournalismus zeigt sich u.a. daran, ob auch die Grenzen dessen beschrieben werden, was mit einem Lösungsansatz machbar ist, anstatt ihn als Wundermittel anzupreisen. Ein guter lösungsorientierter Artikel liest sich nicht wie ein Seelenstreichler, sondern regt zum Nachdenken an und bietet Empfänger*innen eine Gelegenheit zum Lernen. Es geht auch nicht um „Heldengeschichten“ – Porträts strahlender Weltverbesserer und ihrer großen Taten als Quelle der Inspiration. Nicht Personen, sondern Ideen sollen im Mittelpunkt stehen.

Lösungsorientierte Journalist*innen arbeiten mit einem erweiterten Werkzeugkasten. Sie stellen andere Fragen, wie z.B. was in einer schwierigen Situation geholfen hat, wie die Interviewpartner*innen ihren Lösungsweg gefunden haben. Das bedeutet, mit einer anderen Grundhaltung heranzugehen als jener des „if it bleeds, it leads“-Schreibertums, das mehr auf der Suche nach der Tränendrüse ist. Einer ressourcenorientierten Haltung, die stets die Möglichkeit einer Lösung oder Verbesserung miteinbezieht.

Erkenntnisse von Medienschaffenden

Im Juni 2015 hat die Mutmacherei Medienschaffende, Lehrende, Studierende und ein interessiertes Publikum in die Wiener Wirtschaftsuniversität eingeladen zur Veranstaltung „Raus aus dem Bad News Blues? – Potenziale und Herausforderungen eines lösungsorientierten Journalismus“. Wir haben eingangs unser Erklärvideo gezeigt, um das Thema abzustecken und die gängigsten Missverständnisse auszuräumen.

An fünf Thementischen wurden in einer Art Worldcafé grundlegende Fragen zu Praxis, Finanzierung, Rollendefinition etc. diskutiert. Eine der Erkenntnisse danach lautete: Im Grunde genommen sei lösungsorientierter Journalismus Qualitätsjournalismus. Dieser stelle automatisch die Forderung, die ganze Geschichte zu beleuchten und sich nicht bloß am Defizit festzubeißen.

Ein weiteres Ergebnis des Abend war der Wunsch nach gezielter Weiterbildung. Er wurde speziell von fjum – Forum für Journalismus und Medien aufgegriffen. fjum hat Ulrik Haagerup nach Wien eingeladen, den Infochef des Dänischen Rundfunks und Autor des Buches „Constructive News“. Er meint, dass die Medien mittlerweile ein falsches Bild der Welt zeichnen, „eine Welt von Selbstmordattentätern, Kriminellen, politischem Streit, Problemen von Minderheiten und Interessengruppen, die vor den Übeln dieser oder jener Gesetzesinitiative warnen.“ Und führt als Gegenentwurf die Huffington Post an, die als mittlerweile zweitgrößte Nachrichtenplattform der Welt einen starken Akzent auf Positivberichte legt, z.B in den Rubriken „Good News“ und „What’s working„. Einer der Gründe des Erfolgs der Huffington Post bringt die „only bad news is good news“-Devise kräftig ins Wanken: Positive Berichte werden in den Social Media öfter geteilt und erreichen dadurch eine viel höhere Verbreitung.

„Guter Journalismus bedeutet, die Welt mit beiden Augen zu sehen.“
Ulrik Haagerup, Infochef des Dänischen Rundfunks

In einer Round Table-Veranstaltung des fjum im April 2016 zum Thema „Chancen und Gefahren des konstruktiven Journalismus“ wurde ein Engpass deutlich: In großer Offenheit berichteten die anwesenden Journalist*innen, dass ihnen in den meisten Fällen das Wissen über die Lösungen fehlen würde. Und dass sie für die dafür erforderliche Recherche und Weiterbildung die Ressourcen nicht hätten bzw. bekommen würden. Dies sei einer der Gründe, sich in der Berichterstattung auf das Problem zu konzentrieren. Damit sei man quasi auf der „sicheren Seite“.

Anwendungsgebiete

Dem Friedensjournalismus, einem speziellen Anwendungsgebiet des lösungsorientierten Journalismus widmet sich Michael Gleich aus Deutschland. Schon 2002 gründete er Peace Counts und wurde 2008 mit diesem Projekt zum Ashoka-Fellow. Peace Counts stellt die Arbeit erfolgreicher Friedensmacher*innen in aller Welt in den Mittelpunkt und macht sie zum Thema von Texten, Fotos und Beiträgen für Funk und Fernsehen, begleitet von friedenspädagogischen Seminaren und Journalist*innentrainings. Dabei ist das Sammeln und Austauschen von Geschichten des Gelingens und seine friedensförderliche Wirkung zentral. Dieses Wissen wird auch an Journalist*innen in Krisengebieten weitergegeben.

Für unser „Bad News-Blues“-Event hat uns Michael Gleich ein Videostatement via Grußbotschaft zur Verfügung gestellt:

Wirkung und Impact

Das bringt uns zur Frage, welche Wirkung, welchen Impact konstruktiver oder lösungsorientierter Journalismus erzielen kann. Die Wirkung kann sich sowohl auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene äußern:

Individuelle Ebene und Gehirn

Als Individuen sind wir mit einer relativ archaischen Gehirnarchitektur ausgestattet. Die Sicherung des (physischen) Überlebens war für unsere Vorfahren in der Steinzeithöhle und in der Steppe das oberste Gebot. Das funktionierte über den Negativitäts-Bias unseres Gehirns, der uns einen Fokus auf Bedrohliches eingepflanzt hat, der bis heute seines Amtes waltet. Mehr darüber, wie dadurch Angst und Stress entsteht und Bedrohliches sich vor dem geistigen Auge aufbläst, kannst du in unserem Artikel Negativität vs. Positivität – wer gewinnt? nachlesen. Im Zusammenhang mit unserem Medienkonsum bedeutet das: Ja, wir lesen Katastrophenmeldungen, denn wir können gar nicht anders. Das ist das Körnchen Wahrheit in der eingangs angesprochenen Frage, ob wir „bad news“ wollen oder nicht. Es handelt sich aber nicht um einen echten Wunsch, sondern einen evolutionär bedingten Alarmreflex, der uns wie ferngesteuert den Link zur negativsten Schlagzeile anklicken lässt. Was sich das Gehirn dabei erhofft: Hinweise zu bekommen, wie es die Bedrohung vermeiden kann oder was es tun muss, um das eigene Überleben zu sichern. Doch dieses Futter liefern die Horromeldungen nicht und die Massenmedien nutzen unseren Alarmreflex gekonnt aus.

Könnten wir uns ausschließlich bewusst entscheiden, was wir anklicken oder lesen, würde die Entscheidung anders ausfallen. Dies zeigt sich einerseits – wie schon erwähnt – darin, dass positive Geschichten lieber und häufiger geteilt werden. Menschen haben ein Bedürfnis, Inhalte, die sie positiv bewegen, weiterzugeben. Außerdem entsteht wertvolles Sozialkapital, wenn man anderen den Wow-Effekt bringt, während die stetigen Überbringer*innen schlechter Nachrichten sich auf lange Sicht eher unbeliebt machen.

Positive Psychologie

Doch die weitreichendsten Einblicke in das Thema verleihen uns die Erkenntnisse der positiven Psychologie – einer Teildisziplin der Psychologie, die derzei einen wahren Boom erlebt. Durch Martin Seligman in den 1990er Jahren aufgegriffen, beschäftigt sie sich im Gegensatz zur defizitorientierten traditionellen Psychologie mit den positiven Aspekten des Menschseins. Sie untersucht z.B., wie mentale und emotionale Stärken entstehen, was Glück bedeutet und wie man es erlangen kann, wie man das Wohlbefinden steigern und das Leben lebenswerter machen kann.

zwei Illustrationen von Menschen, die einerseits vor Freude jubeln, andererseits verwzeifelt sind© leremy / 123RF Lizenzfreie Bilder

Catherine Gyldensted hat eine bedeutende Brücke geschlagen: Die dänische Journalistin begann sich für die Auswirkungen von Journalismus zu interessieren und absolvierte ein Studium der positiven Psychologie. Ihre Dissertation verfasste sie 2011 zum Thema „Innovating News Journalism Through Positive Psychology„. Darin untersuchte sie die Auswirkung der Negativität in den Medien auf die Psyche. Das Ergebnis: Die Miesmacherei hat deutlich negative Auswirkungen auf unsere Emotionen. Dies wirkt sich in Folge als „gelernte Hilflosigkeit“ aus und führt zu Antriebslosigkeit und dem Gefühl, selbst nichts bewirken zu können. Auch eine frühere Studie kommt zum Ergebnis, dass negative Nachrichten zu Ängstlichkeit und depressiver Stimmung führen und ein extremes Schwarzsehen im eigenen Leben, losgelöst von den Nachrichtenthemen, auslösen. Dieser Wirkung sind sich Medienschaffende meist nicht bewusst. Gyldensted sieht ein großes Potenzial darin, die Erkenntnisse der positiven Psychologie im Journalismus anzuwenden. So beschreibt sie, wie allein das Hinzufügen eines Lösungshinweises zu einer Geschichte bereits die emotionale Befindlichkeit deutlich verbessert. Gyldensted gibt auch Tipps, wie eine Geschichte so aufgebaut werden kann, dass sie eine positive Wirkung bei den Rezipient*innen entfalten kann.

Michelle Gielan ist ebenfalls eine Journalistin, die sich der positiven Psychologie zugewendet hat. In einer Studie gemeinsam mit Huffington Post hat sie herausgefunden, dass drei Minuten morgens mit schlechten Nachrichten genügen, dass man seine Chancen auf einen schlechten Tag in die Höhe treibt, und zwar um 27%. Hingegen geben 88% jener, die sich in der Früh positive Nachrichten reingezogen haben, an, einen guten Tag gehabt zu haben. Dabei ging es nicht um den unmittelbaren Effekt der Nachrichten, sondern die Wirkung, die noch Stunden später messbar war.

Eine positive emotionale Gestimmtheit ist Basis für ein mögliches „Erblühen„: Lebensfreude, Kreativität, Problemlösungsfähigkeit und Resilienz nehmen deutlich zu, wenn Menschen erblühen. Dazu bedarf es jedoch einer ausreichenden Zufuhr an positiver „Nahrung“, die durch unsere gewohnte tägliche bis stündliche Dosis an Informationsgift durchkreuzt wird.

Kollektive Ebene

Auf der kollektiven Ebene kann konstruktiver Journalismus eine neue Art von Diskurs in Gang bringen. Gerade die politischen Diskussionen kreisen zumeist um die Problemsicht und die Verunglimpfung der Sichtweisen politisch Andersdenkender. Den Blick in Richtung Lösungen gibt es in diesem Szenario kaum. Werden die Lösungsansätze medial jedoch befördert und verbreitet, so können sie leichter Eingang in die Diskussion finden. Auch Ausreden dafür, nicht zu handeln, sind angesichts vorhandener Lösungsansätze nicht mehr so leicht zu aufrecht zu halten. Schließlich können Lösungsberichte auch dazu beitragen, konkretere Visionen von einer positiven Zukunft entstehen zu lassen und zu eigenem Handeln inspirieren.

Konstruktive Medienlandschaft

Großbritannien

In Großbritannien verfolgt das Constructive Journalism Project ähnliche Ziele wie das Solutions Journalism Network: Trainings und Weiterbildungen für Journalist*innen und Studierende stehen im Fokus. Durch die Arbeit mit hunderten Journalist*innen und Studierenden gibt es jede Menge Erkenntnisse. Die drei wichtigsten sind in einem Artikel zusammengefasst:

  • Die meisten Journalist*innen möchten zu einer positiven Veränderung beitragen
  • Auch gute Nachrichten können Nachrichten sein. Es kommt weniger darauf an, was bzw. worüber geschrieben wird, sondern wie es geschrieben wird.
  • Konsens ist herausfordernder als Konflikt: Bei TV-Interviews ist es möglich die Gesprächspartner*innen durch eine Diskussionführung, die auf Austausch und Kooperation abzielt, zu mehr Empathie und zum Nachdenken über Lösungen zu bringen. Der Weg ist jedoch schwierig und viele Journalist*innen trauen sich nicht drüber.

Einer der Gründer des Constructive Journalism Project ist Seán Dagan Wood, Chefredakteur von Positive News. Das Medium gibt es seit über 20 Jahren als Printmagazin mit Online-Outlet. Positive News hat sich 2015 neu erfunden und einen radikalen Relaunch durchgeführt. Dabei ging es nicht nur darum, den Außenauftritt zeitgemäßer zu gestalten, sondern auch die Finanzierung auf innovative Beine zu stellen. Positive News gründete sich neu als Genossenschaft und stellte im Rahmen der Kampagne #OwnTheMedia via Crowdfunding durch die Mitglieder die benötigten Mittel auf. Das Finanzierungsziel von GBP 200.000 wurde deutlich überschritten. Binnen einem Monat stellten mehr als 1.500 Investoren über GBP 260.000 auf. Das Magazin gehört nun also der Leserschaft. Damit wollte man die finanzielle Unabhängigkeit sicherstellen.

Auch die renommierte britische Tageszeitung The Guardian wagt sich in Richtung lösungsorientierter Berichterstattung vor – zunächst mit einer Artikelserie mit dem Titel „Half full“. Auch hier geht es um Lösungen, Innovationen und Antworten auf globale Fragen. Dazu werden Vorschläge von der Leserschaft eingeholt.

Deutschland

Perspective Daily bereichert seit kurzem die deutsche Medienszene und hat sich ebenfalls über Crowdfunding finanziert. 12.000 Zahler*innen wurden gesucht – und gefunden, die gemeinsam eine halbe Million Euro aufstellten. Dieser Betrag ermöglichte den Start der Plattform und sicherte den Zahlenden ein Abo für das erste Jahr. Perspective Daily ist ein werbefreies Online-Magazin. „Wir sprechen nicht nur über Probleme, sondern fragen täglich: Wie kann es besser werden? Unsere Beiträge vermitteln Zusammenhänge und diskutieren Lösungen.“

Diese Beispiele zeigen: Journalistische Qualität hat ihren Preis. Sie kann und will nicht mit den werbeüberfluteten Clickbait-Angeboten mithalten.

Österreich

Wie sieht’s in Österreich mit konstruktiven Medien aus?

Das Magazin Option wurde im Jänner 2014 „als idealistisches, vollkommen unabhängiges Medium gegründet und erscheint in Zusammenarbeit mit vielen freischaffenden Medienprofis – ohne großen Verlag und Finanzierung. Option zeigt Alternativen zu Mainstream und Gewohnheit in allen Bereichen auf und unterstützt Innovationen und zukunftsweisende Ideen – konstruktiv-kritisch, optimistisch, am Boden der Realität. Damit sollen positive Entwicklungen in der Gesellschaft gefördert werden.“

Der Lebensart Verlag informiert in seinen Magazinen Lebensart und Businessart über Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR) in eigenen Medien und bereitet Informationen für Partner und deren Kunden auf. Dabei wird auf einen lösungsorientierten Ansatz Wert gelegt.

Im Jahr 2015 hat sich N21 gegründet. Dieses Online-Medium macht werbefreien, unabhängigen Journalismus speziell zu Fragen der Nachhaltigkeit und des Wachstums. Die ersten Monate konnte man gratis probelesen, später wurde eine Paywall eingeführt, wenn man die kompletten Artikel lesen will.

Ganz neue Wege geht TAU – Das Magazin für Barfußpolitik. Hier werden alle herkömmlichen Konzepte über Magazingestaltung gesprengt. Das TAU-Team besteht aus engagierten Menschen aus der Zivilgesellschaft, ohne journalistischen Hintergrund. „Als Magazin sehen wir unsere Aufgabe … vor allem darin, Mut zu machen, dem Ruf des eigenen Herzens zu folgen (worin immer dieser besteht), zu vernetzen und auf bestehende Initiativen aufmerksam zu machen und alternative Wahrnehmungen publik zu machen, abseits von gängiger, teilweise stereotyper Berichterstattung.“ TAU legt Wert darauf, festgefahrene Menschenbilder aufzulösen und stellt eigenverantwortliches Handeln sowohl bei der Themenauswahl als auch in der Entstellung der Hefte in den Mittelpunkt.

Frankreich

Auf Initiative von spark news, einem französischen Social Enterprise zur Förderung positiver Innvoationen, wurde 2012 wurde erstmals der Impact Journalism Day durchgeführt und seitdem jährlich wiederholt. In redaktioneller Zusammenarbeit erstellen Zeitungen aus der ganzen Welt Beilagen, die in ihren Medien am selben Tag erscheinen und in denen über mehr als 100 positive Innovationen berichtet wird. Dabei geht es um globale Themen wie Energie, Klimawandel, Bildung, Gesundheit oder Landwirtschaft. Der gewünschte Impact wird gemessen und soll sich vor allem auf die Projekte beziehen, die die Innovationen vorantreiben und ihnen mehr Sichtbarkeit und Vernetzung verschaffen und gleichzeitig innovative Lösungsansätze für globale Probleme bekannter machen.

Und wer zahlt das?

Bleibt als letztes Thema noch die Frage offen: Rechnet sich das denn? Das Argument, dass sich die Leserschaft angeblich nicht für positive Berichte interessiert, wird meist begleitet vom Totschlageinwand, dass das einen Rückgang der Anzeigeneinnahmen mit sich bringen würde. Damit ist dann jede Diskussion beendet. Zu dieser Frage ist die Datenlage noch etwas dürftig, aber dafür umso erfreulicher. So haben die Reporters d’espoir aus Frankreich mehrfach Positivbeilagen für Zeitungen gestaltet. Sie konnten berichten, dass diese Beilagen einen Leserzuwachs von fünf bis zwanzig Prozent und durchschnittlich drei zusätzliche Anzeigenseiten bringen.

Wenn das nicht Good News sind …!

Weiterführendes

Die Mutmacherei ist stets bemüht, beim Thema konstruktiver und lösungsorientierter Journalismus am Ball zu bleiben und dazu Ressourcen zur Verfügung zu stellen. In unserem Mut-Map findest du eine Rubrik zum Thema Medien, in der wir Quellen für positive Berichterstattung auflisten. Dies soll v.a. dazu dienen, dass du Alternativen zu den Bad News-Medien zur Hand hast.

Eine umfassende Linksammlung findest du im Anschluss an diesen Artikel über die Ö1 Radiokolleg-Serie zum Thema Konstruktiver Journalismus

 

Beitragsbild: © hibrida / 123RF Lizenzfreie Bilder

 

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Ein Gedanke zu „Bei guten Nachrichten geht es um mehr als gute Laune

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